Elstern auf dem Balkon

Karl-Marx-Allee, Berlin. Eine große Straße im Osten der Hauptstadt. Eine Hauptverkehrsader, die den Puls Berlins mit 70 000 Motoren täglich zum Rauschen bringt. Da kann man wohnen. Da wohne ich. „Da kann man wohnen“ sage ich, weil ich in Vorbereitung dieses Beitrags von meinem Mitbewohner wissen wollte, was er mit der Karl-Marx-Allee verbindet. „Keine Ahnung. Ich wohne hier. Schönes Zimmer mit Balkon. Was soll ich damit verbinden?“ war seine leichtfertig dahin geworfene Antwort.

Ein schönes Zimmer mit Balkon habe ich auch. Mein Mitbewohner und ich teilen uns eine geräumige Zweizimmerwohnung. Küche und Bad mit Fenster. Eine Abstellkammer. Der Flur ist ein Flur und kein Korridor oder verhinderter Wandschrank. Die Deckenhöhe liegt bei 3,20m. Zentralheizung, Fahrstuhl, Gegensprechanlage, freier Blick in den Himmel und auf die Stadt. und der Hauseingang begrüßt mich bei jedem Durchschreiten mit einem „Herzlichst Willkommen eure Majestät“.

Keine Pizza für Nicole

Um bei den Mitbewohnern zu bleiben: Meine letzte Mitbewohnerin hatte mal Pizza in die Karl-Marx-Straße bestellt. Die Pizza kam natürlich nie an, denn was sich im Namen unterscheidet, zeichnet sich nicht nur durch weit voneinander entfernte Quadranten im Stadtplan aus. Allee statt Straße, das ist ein Punkt, der das Wohnen hier zu etwas Besonderem macht. Die Großzügigkeit der Wohnung ist kein Selbstzweck. Sie setzt nur fort, was auf der Straße begonnen hat und findet ihre Entsprechung in der breit angelegten Allee, die die einzelnen Blocks maßvoll in ihre ausladenden Bürgersteige einrahmt und ihren Besuchern eine üppige Lindenpromenade vor die Füße legt. Als „Sozialistischen Klassizismus“ oder „Zuckerbäckerstil“ erkennen Architekturfreunde die mächtigen gelb-orangefarbenen Häuserblöcke, die Sachlichkeit mit Detailverliebtheit gekonnt miteinander verbinden. Pragmatismus und Individualität sind sehr wohl miteinander vereinbar und strahlen ein sehr eigenes Flair aus. Und so begrüßen mich scheinbar auch statt schnöder Stadttauben jeden Morgen Elstern auf dem Balkon. Später und am Abend nehmen Mauersegler Maß.

Im Osten geht die Sonne auf

Schwalben stehen nur noch ab und zu vor den Hauseingängen. Vermutlich hat sich die Mieterstruktur seit dem Bau der verschiedenen Blöcke in den 50er Jahren noch nie einem so starken Wandel vollzogen wie derzeit. Viele der ErstmieterInnen sind in die Jahre gekommen. Verwitwet oder pflegebedürftig können sie die Wohnung nicht mehr halten. Jüngere Menschen ziehen nach und mit ihnen verändert sich eine ebenso in die Jahre gekommene Ladenlandschaft. Die einstige Flaniermeile bot in den vergangenen zwanzig Jahren neben einer bunten Palette an senior/-innengerechten Auslagen vor allem gähnenden Leerstand feil. Mehr oder weniger alternative und kreative Zwischennutzungskonzepte sollen hier, wie so oft, wieder Leben einhauchen und neuen Geschäften den Weg zur Kundschaft ebnen. Jedoch muss sich erst beweisen, dass hinter aktuell hochschnellenden Mieten auch eine einkommensstarke und konsumfreudige Mieterschaft steht. Bevor Sie also vielleicht in Bälde vor einem neuen Glanz der Karl-Marx-Allee erblinden, könnten Sie einen Spaziergang wagen. Vielleicht fragen Sie sich dabei, ob der Architektur eine sozialistische Aussage zugrunde liegt weil Ihnen auffällt, dass die Sonne im Osten auf und im Westen untergeht, oder sie sehen Elstern auf einem Balkon.

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Erschienen: Juni 17th, 2011
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