Bleib’ mir bloß weg mit Heim!

Viele Deutsche wollen ihre Angehörigen lieber selbst pflegen. In Berlin bekommen sie zusätzliche Unterstützung von Freiwilligen.

Berlin, 25.03.2011. Irene Krombach hat eigentlich keine Zeit, mit mir zu reden. Sie hat jede Menge Arbeit vor sich und steht unter einem hohen Erwartungsdruck. Dennoch sitzen wir in ihrem kleinen Büro im Berliner Stadtteil Pankow. Der Frühling hat gerade begonnen und die Sonne spiegelt sich im Display ihres Computerbildschirms. Draußen zeigt das Thermometer zum ersten Mal mehr als zehn Grad Celsius. Frühlingsgefühle kommen bei Irene Krombach aber nicht auf. Sie hat Post von der Senatsverwaltung bekommen. Kaum, dass das Projekt begonnen hat, will der Senat Ergebnisse. “Dass man einen Bericht schreiben muss ist klar. Beim Umfang und der Form dessen, was da gefordert wird, empfinde ich Rechtfertigungsdruck. Ich habe mich selbst dabei erwischt, dass ich überlegt habe, ob ich die Sachen aus dem Januar auch schon mit reinschreibe. Auch weil man nicht weiß, wie die Projekte in den anderen Bezirken das handhaben”, sagt Krombach. Den Druck lässt sich meine Gesprächspartnerin nicht anmerken. Sie wirkt ruhig und konzentriert, während sie spricht. Ich esse ihre Kekse und höre zu. Am Ende werden wir fast eine Stunde miteinander geredet haben, bevor sie zum nächsten Termin eilt.

Irene Krombach ist eine von zwölf Sozialarbeiterinnen, die in Berlin die Kontaktstellen für Pflegeengagement betreuen. Seit Mitte Oktober gibt es diese Stellen. Eine für jeden Berliner Stadtteil. Hinter dem etwas undurchsichtigen Namen verbirgt sich eine Innovation. Als eines der ersten Bundesländer hat der Berliner Senat in Zusammenarbeit mit den Pflegekassen Beratungsstellen eingerichtet, die ganz gezielt die Angehörigen von Pflegebedürftigen unterstützen. Vor allem mit ehrenamtlichem Engagement und Hilfen in der Nachbarschaft. Daneben sollen Selbsthilfegruppen zur psychischen Entlastung der pflegenden Angehörigen beitragen. Davon erhofft man sich die Verbesserung der flankierenden Versorgung von Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen. Die neuen Beratungsstellen sind angebunden an die bereits bestehenden Selbsthilfekontakstellen, die seit vielen Jahren den gegenseitigen Austausch von Patienten organisieren. “Diese Anbindung an die bestehende Infrastruktur, insbesondere die Selbsthilfekontaktstellen und Stadtteilzentren, soll zur Förderung von bürgerschaftlichen Engagements in den Stadtteilen beitragen und damit bewusst eine Verknüpfung von sozialer gemeinwesenorientierter Arbeit mit familiärer und professioneller Pflege sowie flankierenden Angeboten zur Gesunderhaltung in sozialen Strukturen ermöglichen”, so der Senat in seinem Konzept für die neuen Stellen. Für die meisten, die ihren Partner, ihre Eltern oder Kinder allein und in den eigenen vier Wänden pflegen, dürfte sich das Projekt als Segen erweisen.

Zwei Drittel der Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt
Laut Statistischem Bundesamt waren 2007 knapp 2,3 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig. Zwei Drittel von ihnen werden zu Hause versorgt. Über eine Million von ihnen ausschließlich durch Angehörige. Laut Statistischem Bundesamt sind das 46% aller Pflegebedürftigen. Die Zahlen für Berlin liegen im Bundesdurchschnitt. Von knapp 96 Tausend Pflegebedürftigen wurde 2007 knapp die Hälfte von der Familie betreut. Hinzu kommen Familien, die bei der Pflege ihrer Angehörigen Eigenleistungen mit der Arbeit eines ambulanten Pflegedienstes kombinieren. Gerade für die sogenannte Sandwich-Generation wird die häusliche Pflege oft zu einer enormen Belastung. Gemeint sind damit Menschen zwischen 40 und 59 Jahren, die gleichzeitig ihre Kinder und einen Pflegefall in der Familie betreuen. Wieviele dieser Familien-Konstellationen in Deutschland existieren, darüber gehen die Aussagen der Forschungsinstitute weit auseinander. Der Alterssurvey der Bundesregierung von 2002 gab den Anteil der Menschen mit einer Mehrfachbelastung aus Kindererziehung, Pflege und Berufstätigkeit noch mit 4-5 Prozent in der Altersgruppe an. Eine Befragung des Instituts für Demoskopie Allensbach aus dem Jahr 2008 kommt hingegen auf einen Anteil von 12,7 Prozent. Insgesamt wird die familiäre Pflege in Zukunft wohl eher noch zunehmen. In einer kürzlich erschienenen Studie berichten die Allensbacher Forscher, dass 65 Prozent der Gesamtbevölkerung der Meinung sind, dass Pflegebedürftige am besten von ihren Angehörigen betreut werden sollten. Den wenigsten dürfte klar sein, welche Belastungen auf sie zu kommen. Gerade wer berufstätig ist, hat es schwer. Auf ihm lastet ein enormer Druck. Nicht alle kommen damit klar.

Pflege-Tandems sollen einer Überforderung vorbeugen
Dass Angehörige in der häuslichen Pflege nicht selten an die Grenzen physischer und psychischer Belastbarkeit kommen, weiß man seit langem. “Körperliche oder seelische Gewalt spielt von beiden Seiten eine Rolle. Auch Zupflegende werden manchmal körperlich aggressiv. Dafür gibt es Krisentelefone, wie das von Pflege in Not. Betroffene können hier anonym anrufen und Hilfe bekommen”, sagt Krombach. In Zukunft sollen Freiwillige die Angehörigen in ihrem Alltag stärker entlasten, um es gar nicht erst soweit kommen zu lassen. Gemeinsam mit den Sozialarbeiterinnen aus den Kontaktstellen sollen sie ein Tandem bilden, das schon nach der Entlassung aus dem Krankenhaus unterstützen kann. Diese Angehörigen-Begleiter sollen weder hauswirtschaftliche Aufgaben erfüllen, noch Körperpflege am Betroffenen übernehmen. Vielmehr werden sie die Angehörigen bei der Organisation der Pflege unterstützen, Lotsen sein. Zum Beispiel bei der Beantragung von Pflegestufe und Pflegegeld. Die Idee, dafür Freiwillige auszubilden, wurde bereits in Hamburg erprobt und nun für Berlin übernommen. “Das ist eine präventive Arbeit. Hier soll verhindert werden, dass Angehörige in ein Loch fallen, aus dem sie nicht allein herauskommen”, sagt Krombach. Angehörige hätten nach der Entlassung häufig Fragen an die Sozialarbeiter in den Krankenhäusern. Plötzlich müssen sie sich um die Pflege eines Angehörigen kümmern. Gleichzeitig würden sie häufig zuviel von sich erwarten und versuchen, alles allein zu bewältigen. “Viele gehen nicht unbedingt in die Institution. Genau da möchten wir ansetzen und motivierend mit den Angehörigen ins Gespräch kommen.”

Damit die Freiwilligen auch mit schwierigen Situationen fertig werden können, werden sie gezielt auf den Einsatz vorbereitet. Dabei spielt auch das Thema Gewalt eine Rolle. “Eine meiner Freiwilligen, die gerade in die Pflegebegleiter-Ausbildung einsteigen möchte, hat mich direkt angesprochen. Was macht sie, wenn sie den Eindruck hat, dass da Gewalt im Spiel ist? Die Ehrenamtlichen kommen da in eine Konfliktsituation zwischen Datenschutz und Schutz der beteiligten Personen. Wen schütze ich eigentlich und wann ist eine Schwelle überschritten? Da gibt es keine generelle Lösung, man muss die einzelne Situation beurteilen können. Da bin ich im Tandem dann Ansprechpartnerin für die Ehrenamtlichen. Notfalls gehe ich hin und versuche selbst entlastend zu wirken oder vermittle an spezielle Beratungsangebote. In der Praxis ist das häufig schwierig, weil sich die Angehörigen aus Scham zurückziehen. Da muss man mit hoher Sensibilität rangehen.”

Die Ausbildung von Freiwilligen zu Angehörigen-Begleitern ist ein zentraler Bestandteil des Berliner Projektes. Irene Krombach findet jedoch auch warnende Worte. “Es kann nicht darum gehen, Ehrenamtliche überall einzusetzen. Mit dem Engagement muss man verantwortungsbewusst umgehen. Sonst ist weder den Angehörigen geholfen, noch bleiben die Freiwilligen lange dabei”, sagt sie mit Blick auf das Vorhaben. “Man muss aufpassen, dass die Freiwilligen nicht überfordert werden. Sonst drohen die, die eigentlich die pflegenden Angehörigen entlasten sollen, selbst unter der Belastung zusammenzubrechen.” Deshalb sollen die Angehörigen sich auch gegenseitig unterstützen. Neben den Pflegebegleitern werden Gruppen angeboten, in denen sich die Angehörigen austauschen können. Auch die Selbsthilfegruppen werden zu Beginn von Freiwilligen oder den Hauptamtlichen begleitet, sollen sich dann aber eigenständig treffen. „Das Konzept der angeleiteten Gruppe wird sich jedoch nicht immer Eins zu Eins auf die Gruppen für pflegende Angehörige übertragen lassen. Häufig ist eine langfristige Begleitung erforderlich.“

Trendwende oder Flickenteppich?
Möglich sind Angebote, wie das in Berlin, schon seit 2008. Damals hatte die Bundesregierung das Pflege-Weiterentwicklungsgesetz verabschiedet. Eine Gesetzesnovelle für die Pflegeversicherung, die unter Anderem die Anhebung der Beträge für das gezahlte Pflegegeld vorsieht. Gleichzeitig wurde der Weg für einen Mix aus professioneller Pflege und ehrenamtlicher sowie selbstorganisierter Unterstützungsarbeit bereitet. Nach einer Modellphase hatte man zunächst die Pflegestützpunkte eingerichtet. Diese beraten Pflegebedürftige und Angehörige bei der Planung des individuellen Pflegemodells und unterstützen beim Umbau der eigenen Wohnung. Mittlerweile hat der Senat auch neue Anlaufstellen für Menschen mit Demenz und geistiger Behinderung eingerichtet. Angehörige sollen dort mit Einzel- und Gruppenbetreuungen für die Betroffenen vor allem zeitlich entlastet werden. Auch ehrenamtliche Besuchsdienste gehören zum festen Repertoire und werden über die Pflegekassen mitfinanziert.

Für die breite Masse der Pflegebedürftigen fehlen solche Angebote aber und stellen damit den Großteil der Angehörigen vor organisatorische Probleme. “Es ist ein Dilemma, dass da keine Entlastungsmöglichkeiten existieren. In Pankow gibt es nur noch einen einzigen kostenlosen Besuchsdienst. Der kann die Bedarfe gar nicht mehr decken und ist auch kaum mehr bekannt, weil nicht klar ist, ob die Förderungen weiterlaufen”, berichtet Krombach. Dieses Loch können auch die Kontaktstellen für Pflegeengagement nicht stopfen. “Die Strukturen, die es mal gab, sind eingestampft. Neue Fachkräfte zur Vernetzung der noch bestehenden Strukturen nicht vorgesehen.” So sind die Verbesserungen infolge der Gesetzesnovelle von 2008 nur die halbe Wahrheit. Irene Krombach macht klar, dass die neuen Projekte auch Lücken schließen müssen, die in der Vergangenheit erst aufgerissen sind. “Als ich in der ambulanten Pflege angefangen habe, das war ungefähr 1985, hat man die Angehörigen schon im Blick gehabt. Und man konnte sie im Blick haben, weil die Pflegekräfte viel mehr Zeit hatten. Ich hatte damals in meiner Tour 7 bis 8 Einsatze. Da waren hauswirtschaftliche Tätigkeiten und Körperpflege noch nicht getrennt. Wenn es eine familäre Problemlage gab, habe ich die sehr wohl mitbekommen. Inzwischen hetzt jeder durch, hat seinen Fokus auf der Tablette. Was drum herum passiert ist kaum noch abzudecken.”

Das Pflegegeld ist eine wichtige Einkommensquelle geworden
Vielen Angehörigen scheint diese Entwicklung auf den ersten Blick nicht ganz ungelegen zu kommen. Inzwischen haben viele das Pflegegeld für sich als Einkommen entdeckt. Gerade in der nachberuflichen Phase oder bei Arbeitslosigkeit stellt das Pflegegeld einen finanziellen Anreiz für Familie und Nachbarn dar, die Betreuung zu übernehmen. “Auch aus diesem Grund nehmen viele weniger Hilfe in Anspruch. Nämlich erst dann, wenn gar nichts mehr geht”, erzählt Krombach. “Im Gespräch sagte eine Frau mir ganz offen: Wenn ich Hilfe in Anspruch nehme für meinen Mann, dann weiß ich nicht mehr, wie wir unsere Wohnung finanzieren sollen.”

Die Gesetzesnovelle von 2008 dürfte diese Entwicklung durch die Anhebung der Pflegegeldbeträge noch begünstigt haben. Das ist auch beabsichtigt. Die Pflegeversicherung kommt über die Regelsätze nur für einen Bruchteil der Kosten auf, die bei einer professionellen Versorgung entstehen. Gerade bei Pflegebedürftigen ohne nennenswerte Renten oder angesparte Rücklagen, muss der Staat mit Leistungen aus der Grundsicherung einspringen, um die Kosten für eine ambulante oder stationäre Pflege zu decken. 2007 wurden, laut Statistischem Bundesamt, insgesamt 14 Prozent der gesamten Sozialhilfeausgaben für Hilfen zur Pflege gezahlt. Das waren 2,7 Milliarden Euro netto. 77 Prozent davon wurden für Leistungen in Einrichtungen erbracht. Der größte Teil der Personen, die Hilfe zur Pflege erhalten sind zudem älter als 64 Jahre und werden voraussichtlich dauerhaft auf eine solche Unterstützung angewiesen sein. Ein Ausgabenposten, der infolge der demografischen Entwicklung eher noch wachsen wird. Die Förderung der häuslichen Pflege durch Angehörige ist angesichts solcher Zahlen wohl auch ein fiskalpolitischer Schachzug. Eine Win-Win-Situation, so scheint es. Die Einen können ihre Miete bezahlen, die Anderen werden durch ihnen nahestehende Personen betreut und die Staatsfinanzen werden geschont. Der Zweifel aber bleibt. Die fehlende Anbindung an eine Institution, die wenn nötig unterstützend eingreift, könnte sich als schwierig erweisen. Dieser fehlende Kontakt “trägt nicht unwesentlich dazu bei, dass Professionelle erst dann von einer Überforderung erfahren, wenn sie längst eingetreten ist”, gibt Irene Krombach zu bedenken. „Das Thema ‘Selbstsorge’ müssen pflegende Angehörige und teilweise auch Institutionen für diesen Personenkreis erst noch entdecken.“

In ihrem Büro klingelt jetzt das Telefon. Nicht zum ersten Mal, während wir uns unterhalten. Dass die neuen Kontaktstellen den Nerv vieler Angehöriger treffen, ist sicher. Fast stündlich gehen neue Anfragen ein. Ob die Angebote aber tatsächlich zu einer nachhaltigen Verbesserung beitragen können, muss sich erst noch erweisen. Drei Jahre haben sie und ihre Kolleginnen Zeit. Ob ihr Projekt leistungsfähig genug ist, um den Bedarf zu decken und wie viele Menschen sich ehrenamtlich engagieren werden, das zu beurteilen, wird wohl noch bis zum nächsten Frühling warten müssen.

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