Mehr Qualität für weniger Geld. Das kann nicht aufgehen.

Charlotte K.* ist Familienhelferin in Berlin Reinickendorf bei einem freien Träger. Mit TatOrt Alltag sprach sie über die Vertragskündigungen in der Neuköllner Jugendhilfe. Die Soziale Arbeit sieht sie unter dem permanenten Druck, beim Sparen helfen zu müssen.

Wie ist die Entscheidung der BVV Neukölln, die Jugendamtsmittel einzufrieren und die Verträge zu kündigen, einzuordnen?
Ich finde es ein sehr merkwürdiges Vorgehen. So ist es auch unter den Kollegen diskutiert worden. Allgemein wurde das eher als Wahlkampftaktik von Herrn Buschkowsky bewertet, der ja gerne zu sehr effektheischenden Maßnahmen greift. Fachlich ist das Vorgehen nicht zu rechtfertigen und auch politisch willkürlich. Das ist Parteipolitik auf Kosten von Kindern und Jugendlichen.

Im Anschluss an die Zurücknahme der Vertragskündigungen hat Buschkowsky in einem Interview mit dem Tagesspiegel den freien Trägern unterstellt, sie würden sich selbst die Mittel bewilligen. Er nannte das ein Perpetuum Mobile der Staatsknete.
Das ist faktisch überhaupt nicht so. Die Fachleistungsstunden werden vom Jugendamt bewilligt. Die Sozialarbeiter in den Ämtern entscheiden, ob eine Hilfe zustande kommt, oder nicht. Jeder Erziehungsberechtigte, dessen Lebensmittelpunkt in Deutschland ist, das muss man auch einmal sagen, hat ein Recht auf Hilfe. Von daher sind bei den Hilfen zur Erziehung auch wenig Einsparmöglichkeiten gegeben. Die Kostenexplosion, die immer herbeigeredet wird, muss man auch vor dem Hintergrund bewerten, dass die Sozialarbeitergehälter seit langem nicht angehoben worden sind und dass die Fachleistungsstunden für die freien Träger gekürzt wurden.

Wann wurde denn zuletzt gekürzt?
Im März letzten Jahres. Da hieß es von seiten des Jugendamtes Reinickendorf in den sechs Monaten, die üblicherweise eine Hilfe läuft, sollen die Familien einen Monat lang schauen können, wie sie allein zurecht kommen. Und zwar unabhängig von der fachlichen Bewertung der Helfer. Also auch wenn ein gestörtes Bindungsverhalten vorliegt und das Leben der Familien von massiven Kontaktabbrüchen gekennzeichnet ist. Darunter leidet die Qualität der Sozialen Arbeit. Zunächst hieß es, dass man das in Einzelfällen auch anders handhaben könne. Mittlerweile ist es aber so, dass per se Fachleistungsstunden nur noch für fünf Monate bewilligt werden, unabhängig von der Situation in der Familie.

Hilfen werden also für sechs Monate bewilligt, von denen nur noch fünf auch betreut werden?
Genau. Im letzten Monat soll geschaut werden, ob die Hilfe zur Selbsthilfe greift. Das gilt auch für jede weitere Hilfe im Anschluss und ohne dass die Entscheidung nach fachlichen Kriterien auf ihre Sinnhaftigkeit überprüft würde. Das wird nicht nur in Reinickendorf so gehandhabt.

Herr Buschkowsky hat in seinen Einlassungen immer betont, dass die Hilfen zur Erziehung zu hohe Kosten produzieren. Ist es nicht so, dass man in der Vergangenheit bereits verstärkt auf ambulante Hilfen zurückgegriffen hat, um die Kosten für die stationäre Betreuung einzudämmen?
Ja, das ist definitiv so. Damals ging auch ein Aufschrei durch die Medienlandschaft, dass der stationäre Hilfebereich zu teuer sei. Und sicherlich sind Heimplätze tatsächlich teurer. In der Folge wurden die Heimunterbringungen reduziert. Teilweise hatten Jugendamtsmitarbeiter dann Schwierigkeiten auch sinnvolle Heimunterbringungen oder eine Pflegefamilie durchzusetzen, weil die grundsätzlich nicht bewilligt wurden.

Es gab auch Medienberichte, dass Heime aus Kostengründen nach Brandenburg oder ins nahe Ausland verlegt wurden. Ist Ihnen da eine Praxis in Berlin bekannt?
Dazu kann ich nichts sagen, weil ich hauptsächlich im ambulanten Bereich arbeite. Ganz grundsätzlich badet die Jugendhilfe hier aber ein gesamtgesellschaftliches Problem aus. Vor dem Hintergrund einer weiterhin hohen Arbeits- und Perspektivlosigkeit haben wir auch die Situation, dass dysfunktionale Familien zunehmen. Gerade wenn das in die dritte Generation geht, wird es natürlich schwierig auch zu vermitteln, dass es beispielsweise wichtig wäre, in die Schule zu gehen. Solche gesellschaftlichen Entwicklungen werden nicht gesehen und treten immer wieder hinter Kostendebatten zurück.

Genau dieses gesellschaftliche Pflichtbewusstsein, so bemängelt Buschkowsky, sei in den Jugendämtern an die freien Träger abgetreten worden, weshalb bewilligt würde, was immer diese an Hilfen verlangen.
Also das ist definitiv nicht so. Der Fall ist natürlich, dass die Jugendamtsmitarbeiter überlastet sind. Die Fallzahlen sind horend. Ich möchte da nicht arbeiten müssen. Und natürlich haben sie Sorge, dass ihnen eine Kindeswohlgefährdung durchrutscht. Bei entsprechenden Meldungen in der Presse sind die Jugendamtsmitarbeiter als Erste dran. Aber sie können eben nicht überall Hausbesuche haben. Mit Sparen kann das sicherlich nicht gelöst werden. Wer mehr Qualität will, muss auch mehr Stellen schaffen, damit die Sozialarbeiter Zeit haben in die Familien zu gehen. Wer 200 Familien betreut kann das jedenfalls nicht leisten. Erpressbar werden sie dadurch noch lange nicht.

Insgesamt klingt es für mich, als sei das Verhältnis zwischen Jugendämtern und freien Trägern sehr gut abgestimmt. Barbara Schönherr hat in einem Selbstversuch als Sozialarbeiterin etwas anderes beschrieben. Es seien vielfach überflüssige Hilfen bewilligt worden, Sozialarbeiter würden von ihren Arbeitgebern angehalten Klienten länger zu halten als nötig und sich weitgehend fatalistisch gegenüber Profitmaximierungsstrategien der Träger verhalten. War das ein Griff ins Klo?
Ich war schockiert, dass so ein Pamphlet überhaupt erschienen ist. Es gab dazu ja auch Stellungnahmen vom DPW und anderen. Ich weiß auch, wie es bei uns im Jugendamt bewertet worden ist. Es gibt sicherlich solche Auswüchse, wie in jedem anderen Bereich. Aber dazu, dass Sozialarbeiter in der Pizzeria sitzen und dafür bezahlt werden, und was sie noch alles schreibt, dazu kann ich nur sagen: Wow. Da träume ich von. Gleichzeitig muss man sehen, dass die Gehälter seit Ewigkeiten nicht angehoben worden sind, liegt auch an solchen Berichten, die aus Fachkräften Helfer machen. Die Soziale Arbeit ist völlig unterbewertet.

Sehen Sie da einen Zusammenhang zum Gegenwind, dem die freien Träger immer wieder ausgesetzt sind?
Das hängt damit zusammen, dass das ein so dankbares Feld ist. Man kann leicht sagen, ja was machen die denn da, die sitzen ja mit den Familien auf dem Sofa und trinken Kaffee und es ändert sich nichts. Das ist auch etwas, das wir immer wieder auch von seiten der Schulen erleben, die sagen, sie müssen doch dafür sorgen, dass das Kind zur Schule geht. Das kann ich nicht machen. Ich kann natürlich hingehen und mit den Eltern reden. Ich kann auch hinfahren und sie wecken. Verhaltensänderungen im Menschen sind aber schwer zu bewegen. Ein Mensch ist keine Maschine die funktioniert oder nicht. Änderungen sind nicht von heute auf morgen zu erwarten. Vielleicht ist das etwas, das häufig vergessen wird, nämlich wie kompliziert Menschen sind – und insbesondere das System der Familie.

Aktuell wird eine Budgetierung der Hilfen quer durch die Fraktionen diskutiert. Der DPW hat diese Form der Entgeltvereinbarung schon seit Jahren in sein Programm aufgenommen. Was würde das für Ihre Arbeit bedeuten?
Meine Kollegen und ich finden das eher schwierig. Wie gesagt gibt es einen Rechtsanspruch für die Erziehungsberechtigten auf die Hilfen. Das kollidiert mit der Budgetierung, in der von vorne herein ein Betrag festgelegt ist. Was macht man dann mit Familien, bei denen darüber hinaus ein Hilfebedarf besteht? Das liefe also auf eine Gesetzesänderung hinaus und ich denke, dass das im Endeffekt nur zu weiteren Kürzungen führen würde. Letztlich geht es dabei ja um den Wunsch, eine bessere Qualität in der Arbeit zu gewährleisten. Ein erster Schritt dahin wäre sicherlich die Kürzung der Hilfen auf fünf Monate zurückzunehmen. Die Budgetierung ist ein Windei. Das muss man anders aufzäumen.

Das Argument der Befürworter geht dahin, zu sagen, dass das gegenwärtige System der Fachleistungsstunden einen Anreiz zum Schummeln böte. Es geht also um eine Verbesserung der Kontrollmöglichkeiten in den ambulanten Diensten. Braucht es solche zusätzlichen Kontrollen?
Es existiert ja eine Dokumentationspflicht. Natürlich gibt es auch Fälle, wie im letzten Jahr, in denen Stunden abgerechnet werden, die nicht gemacht wurden. Das ist aber aufgeflogen. Ich halte das für den falschen Schauplatz.

Heißt das, der Politik dienen solche „Schauplätze“ in erster Linie, um Einsparungen zu rechtfertigen?
Ich denke schon. Das ist Rufschädigung in einem Berufsfeld, dass ohnehin nur wenig geschätzt wird und dessen anspruchsvolle Arbeit einfach nicht gesehen wird. Natürlich ist Kritik, auch öffentliche Kritik wichtig. Es wird aber regelmäßig ein ungeheurer Hype fabriziert, der dem Gros der Träger nicht gerecht wird. Wenn es neue Kontrollen gibt, dann sollten diese auch sinnvoll gehandhabt werden. Vor allem fehlen aber Stellen in den Jugendämtern. Das ist die Krux daran.

Fehlt der Profession Soziale Arbeit eine Lobby, möglicherweise auch die gewerkschaftliche Selbstorganisation?
Ich denke schon. Es ist ein hochkompliziertes Arbeitsfeld, für das man sehr gut qualifiziert sein muss. Dazu gehören etwa Gesprächstechniken, Abgrenzungsmöglichkeiten, Fähigkeiten in der Problemerkennung und Problembearbeitung. Insofern gäbe es für eine Gewerkschaft viel zu tun.

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*Name geändert.

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Erschienen: November 11th, 2011
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