Haben Sie was von Herrn Bischoff gehört?

Graffiti auf einem Stromverteilerkasten an der Schönebecker Straße in Magdeburg Buckau. Dort steht: Buckau hat eine Zukunft.

Es ist ein sonniger Samstagmorgen und entlang der Martinstraße in Magdeburg-Buckau werfen die Altbauten lange Schatten. Eigentlich läge die Straße immer im Schatten, wären da nicht die Lücken, die die Wohnruinen in das Straßenbild gerissen haben. Dass hier über 80 Millionen Euro in ein Sanierungsprogramm geflossen sind, davon ist auf der Martinstraße wenig zu sehen. Das ist typisch für Buckau. Teilsanierte Häuser, dann ein sehr Modernes, daneben ein völlig Zerfallenes. In den Kellerfenstern stehen Schnaps- und Bierflaschen. Die Ikonen der einstigen Arbeiterklasse. Fast scheint es, als würde sich Niemand hier kümmern. Als wäre es den Menschen egal, wie sie leben. Doch jenseits der hohlen Fassaden halten zwei Männer die Nachbarschaft zusammen.

Magdeburg, 31.03.2011 Buckau ist einer von jenen ostdeutschen Orten, die in der Nachkriegszeit ihre Blüte erlebten und deren Geschichte so eng mit dem Schicksal des DDR-Regimes verknüpft ist, dass sie mit dem Fall der Mauer in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden drohten. Der Zusammenbruch der DDR setzte hier auch dem Schwermaschinenbau ein Ende. Buckau, das ist vor allem die Geschichte eines Betriebes, der in der Hand der Arbeiter und Bauern zu ungeahnter Größe kam. Nach dem Krieg zerstört, wurden die Thälmann-Werke in der DDR zum Lebensmittelpunkt für viele Magdeburger – und ihr gemeinsamer Stolz.

Nicht wenige „Thälmänner“ wohnten in dem nahe gelegenen Stadtteil zwischen Schifffahrt und Bahntrasse. Ein Arbeiterviertel, jedoch mit intaktem „Stadtleben“, einer Vielzahl klein­erer Geschäfte und Wohnungen, die einfach waren, aber zufriedenstellenden Wohnraum boten. Dann kam die Wende. Die Nachfrage in den Bruderstaaten und von Übersee fiel ins Bodenlose. Die Thälmann-Werke wankten. Nach der Wende war es für den größten Teil der Belegschaft dann vorbei. Während sich Einige neu orientierten, wegzogen oder sich selbstständig machten, endete für Andere mit der DDR und den Thälmann-Werken auch ihr eigenes Leben in einer Sackgasse. Ein viel zitiertes Klischee. Und dennoch: In Buckau gibt es sie, die die nie wieder Arbeit fanden und sich zuweilen im Alkohol verlieren. Wenn abends die Kneipen geschlossen sind, treffen sich Jung und Alt an den Ecken und unter Laternen, reden zu laut, streiten, zechen. Die „Thälmänner“ unter ihnen, wissen stets von einer besseren Zeit zu erzählen, in der Alles anders war in Buckau.

Den Magdeburger an sich hat Herr Bischoff nie leiden können
An diesem Samstagvormittag sitzen sie beim ersten Bier. Ihre Kneipe ist eigentlich ein Döner-Imbiss. Im Vorbeigehen stünde schnell ein Urteil fest. Man würde sich leise seinen Teil denken und darunter wäre nur wenig Charmantes. Zwischen Plastikpalmen und bunt leuchtenden Spielautomaten, sitzt ein Mann schon vor der zweiten oder dritten Flasche. Mürrisch blickt er in die kleine Runde. Sechs Stunden Arbeit habe er bereits hinter sich. Zeitungen trage er aus. Das sei zwar keine Nachtschicht in einem Großbetrieb, die kenne er als „echter Thälmann“ aber auch. Stolz, sagt er, war er auf seine Arbeit und hat in der zweiten Generation für die Thälmann-Werke gemacht. Er blickt durch das trübe Schaufenster des Döner-Treffs nach Draußen und raucht eine seiner zahllosen Zigaretten. Jens* ist 51. 15 Jahre hat er als Gießer in den Ernst Thälmann-Werken gearbeitet. Er erlebte die Blüte der Magdeburger Schwermaschinenbetriebe und ihren Untergang. Seit 1992 ist er Gelegenheitsarbeiter, der hier und da auf Montage war und nun jeden einzelnen Arbeitstag in seinem kaputten Rücken spürt. Als Hausmeister und Zeitungsausträger verdient er sich heute was dazu. Es reicht zum Leben. Ändern möchte er daran nichts mehr. Seine großen Hände und die breite Statur lassen keinen Zweifel an der Härte der getanen Arbeit. Mit der Glatze und dem goldenen Ring im linken Ohr trägt er seine proletarische Weltanschauung selbstverständlich zur Schau, an der er, wie er meint, auch keinen Zweifel aufkommen lasse.

Jens wohnt in einem Haus hier ganz in der Nähe und hat als Hausmeister auch eine gewisse Verantwortung für seine Nachbarn. Natürlich sei es wichtig, dass das Haus sicher ist, Gas nicht entweicht, Brandschutzbestimmungen eingehalten werden und alle Rohre dicht sind. Aber die Herausforderung liegt für ihn ganz woanders. Er muss eine Lücke füllen. Ob er was von Herrn Bischoff gehört habe? Er hat und bereitwillig fasst er die Monate zusammen, die vergangen sind, seit auch Herr Bischoff weggezogen ist. Über Nacht sei er verschwunden, ohne großen Abschied aber nicht spurlos. Nach dem Wechsel des Eigentümers hätten die Mieterhöhungen letzten Endes den Auszug von Herrn Bischoff beschleunigt. Zuletzt habe er einen Rechtsstreit verloren, weil er sich weigerte, Miete nach zu zahlen. Er wollte ohnehin wieder zurück in die Heimat. Zurück nach Thüringen. Den Magdeburger an sich habe er eh nicht leiden können. Ein seltsamer Menschenschlag, mit dem er auch nach den vielen Jahren, nicht zu Recht gekommen sei. Jetzt komme er mal alle 14 Tage, um nach dem Rechten zu sehen. Die Verantwortung für „sein Baby“ lasse ihn eben nicht einfach los.

Blick in Richtung Westerhüsen vom alten Messgerätewerk.

„Er hat es immer geschafft, Einen aus jeder Scheiße raus zu holen“
Will man Herrn Bischoff beschreiben, so kann man das auf zwei Arten tun. In der Ersten ist er ein sehr dünner älterer Mann. Vielleicht so um die 70. Sein dunkelbrauner Pullover aus grobem Strick ist viel zu weit, hier und da hängt ein Fleck. Ihm fehlen Zähne und die morgendliche Rasur gehört längst nicht mehr zu seinen Ritualen. Oft saß er so bei einem günstigen Pils im Döner Kebab. Die zweite Geschichte will weniger zum Image des herunter gekommenen Magdeburger Stadtteils passen. Hagen Bischoff, diplomierter Verfahrenstechniker, hat immer ein gutes Wort für Alle und steht mit Rat und Tat zur Seite. 24 Mieter verdanken ihm ein Dach über dem Kopf. Er vermittelt Gelegenheitsjobs und nimmt sich fremder Probleme an, als wären es die Eigenen. Beide Beschreibungen zusammen zu führen gelingt vielleicht nicht lückenlos, kommt Herrn Bischoff aber wohl am Nächsten.

Der Altbau liegt nahe den Gleisen der Deutschen Bahn. Auf der anderen Seite dröhnen die Laster über die Schönebecker Straße. Wir betreten den Innenhof. Mein Blick streift die modernen Balkonvorbauten hinter dem Zaun und bleibt kurz an den weiß-grauen Wänden hängen, hinter denen ich mehr über die Geschichte von Herrn Bischoff erfahre. Über das hügelige rote Kachelpflaster erreichen wir den hinteren Teil des Gebäudes. Im Treppenhaus stehen Trockenblumen und eine Strohpuppe auf einer staubigen Kommode. Vielleicht wirkt der Raum etwas ungepflegt aber er wird von den Mietern genutzt. Ganz anders als in den glattgeputzten Treppenhäusern, in denen von Menschen keine Spur zu sehen ist. Hier riecht es überall nach Zigarettenqualm und ein Knacken unter den Füßen verrät die eine oder andere lockere Fließe unter dem Teppich.

Herr Bischoff zahlte hier keine Miete. Dafür kümmerte er sich um das Haus und darum, dass die Wohnungen bewohnt wurden. In dem von Leerstand geplagten Buckau ein Segen für den Vermieter. Statt nur ein oder zwei Wohnungen zu vermieten, ging der im Preis weit unter die sonst am Markt üblichen. Dafür wurde sein Haus gepflegt, beheizt, belebt. Für Jene die nichts oder kaum etwas hatten ein Lichtblick. Sonst wären sie wohl auf der Straße gelandet. Die wenigsten heutigen Bewohner machen ein Geheimnis aus ihrem Alkoholkonsum. Sie schaffen ja ihr Tagespensum. Die Sache mit dem Amt fällt ihnen ganz ohne Hilfe dann aber doch schwer. Dabei half ihnen immer Herr Bischoff. Er sah zu, dass alle Fristen eingehalten wurden. Damit nicht die Sanktionen der Ämter das Leben unbezahlbar machten. Er vermittelte Gelegenheitsjobs und setzte sich bei Versäumnissen für die Mieter beim Amt ein. Auf dem Papier wurden da aus 54 m² schon mal runde 50 m², damit das Amt zahlte. Eigentlich eine Notwendigkeit, damit die Miete rein kam und im Grunde nichts anderes als klassische soziale Arbeit. Knapp 15 Jahre ging das gut. „Er hat es immer geschafft, Einen aus jeder Scheiße raus zu holen“, sagt Jens. Er selbst sei früher einer von den „Jungs“ gewesen, die Herr Bischoff von der Straße holte, wenn ein Umbau oder eine Entrümpelung im Haus an standen. So sparte der Vermieter viel Geld und sie konnten sich unkompliziert etwas dazu verdienen. Auch die Wohnqualität wurde stetig besser, ohne dass sich das auf die Miete auswirkte. Was er als derzeitiger Hausmeister nicht mache, sagt Jens deutlich, “sich für Andere mit dem Amt streiten“. Das kommt für ihn nicht in Frage. Herr Bischoff war, meint er, „in vielen Sachen wortgewandter als wir“.

Für Jens steht fest: “Die kriegen uns da nicht raus!“
Die neuen Vermieter kommen von weit her, aus München und Hausauen und sind nicht gewillt auf Mieteinnahmen zu verzichten, nur damit Hartz-IV-Empfänger keine Probleme mit dem Amt bekommen. Eine volle Auslastung, argumentierte Herr Bischoff, das sei hier nicht selbstverständlich. Da brauche man nur den angrenzenden Gebäudeteil der Magdeburger WOBAU anschauen. Dort sei nicht mal die Hälfte vermietet und komme trotz höherer Mieten und zahlungskräftigeren Mietern auch nicht mehr rein. Buckau sucht nach neuen Mietermilieus. Das weiß auch Jens. Um so unverständlicher erscheint der plötzliche glanzlose Abschied von Herrn Bischoff. Das sei seine eigene Entscheidung gewesen. „Keiner wollte dass er geht“.

Die neuen Vermieter machen jetzt Druck. Bei manchen Mietern aber bleiben die Briefe vom Amt ungeöffnet. Viele Derjenigen, die sonst regelmäßig in den Döner-Treff kamen, sind nur noch selten anzutreffen. Ob das nun ein gutes oder eher ein schlechtes Zeichen ist, mag Jens nicht beurteilen. Er will weiter durchhalten und lässt keinen Zweifel an der Stellung, die die Mietergemeinschaft in seinem Leben einnimmt. Ein Spiel auf Zeit, denn wie oft der mittlerweile 64jährige ehemalige Hauswart noch den Weg von Erfurt nach Magdeburg auf sich nimmt, scheint ungewiss.

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*Die Namen wurden von der Redaktion geändert.

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